Fachartikel | Interkulturell kompetent in Behandlung und Pflege

Von Confidos-Trainerin und Coach | Dr. Annette Lühken

Durch die wachsende Globalisierung überschreiten wir tagtäglich auf allen Ebenen des Lebensalltags Grenzen – nicht zuletzt auch in den Bereichen der ärztlichen Behandlung und der Pflege. Der Arbeitsalltag vieler Ärzte und Pflegepersonen ist bereits multikulturell geprägt, sowohl durch Patienten als auch durch Arzt- und Pflegekollegen, die aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen stammen. Dadurch kommt es oft zu Kommunikationsproblemen, weil Patient und behandelnder Arzt oder Pflegender nicht über eine gemeinsame Sprache verfügen. Häufiger entstehen aber Probleme auch deshalb, weil der Arzt oder die Pflegeperson nicht weiß, an welcher Stelle die Grenzen dessen überschritten sind, was in der Kultur des Patienten akzeptabel ist.

Eine gemeinsame kulturelle Basis fehlt. Themen wie Sorge, Intimität, Nähe, Schmerzen können kulturbedingt sehr unterschiedlich besetzt sein. Auch wenn der Arzt oder Pflegende sehr wohl weiß, dass es in einem anderen Land auch andere Sitten und Gebräuche gibt, ist ihm oft nur unzureichend klar, wie diese konkret aussehen. Umgekehrt kann sich dies für den Patienten ebenso darstellen.

Stereotypen als erste Orientierungshilfe

Doch wie kann man sich dieser Herausforderung nähern? Ganz klar steht zunächst das Lernen über andere Kulturen im Vordergrund. Oft wird hier mit Stereotypen gearbeitet, also mit generalisierenden und vereinfachten Eigenschaftszuschreibungen mit emotional wertender Tendenz. Andererseits ist die Beschreibung einer fremden Kultur ohne die Verwendung von Stereotypen nahezu unmöglich. Sie sind die Basis für eine erste Orientierung in Bezug auf Fremdes.

Im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit gilt als wichtige Grundlage jeder Kultur eine religiös geprägte Sichtweise, die Denk-, Verhaltens- und Heilungsprozesse beeinflusst. Schon immer war der Einklang zwischen der Welt der Götter und der Menschen Voraussetzung für die Harmonie von Geist und Körper, also für die Gesundheit. Deshalb zielten in der gesamten Menschheitsgeschichte viele religiöse Verhaltensnormen und Praktiken darauf ab, diese Voraussetzung zu bewahren oder wieder herzustellen.

Auch heute noch bestimmen Gebote und religiöse Gesetze häufig das tägliche Leben und Sozialverhalten der Menschen. Jedoch bieten die verschiedenen Religionen in dieser Hinsicht kein einheitliches Bild. Bereits jede einzelne der großen monotheistischen Religionen ist in zahlreiche Glaubensrichtungen und -gemeinschaften gespalten. Pflege- und gesundheitsrelevante Themen wie Körperpflege, Fasten, Kleidungsvorschriften oder etwa der Umgang mit dem Sterben sind daher sehr unterschiedlich besetzt und verlangen zumindest ein solides Grundwissen beim Arzt oder Pflegenden.

Missverständnisse bewältigen

Ein anderes im Umfeld von Gesundheit und Krankheit wichtiges Thema sind die bei interkulturellen Begegnungen auftretenden Probleme im persönlichen Umgang miteinander, die im engen versorgenden oder pflegenden Kontakt zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen besonders deutlich werden. Dabei beeinflussen gesellschaftliche Werte, Normen und Vorstellungen sowohl das Pflegeverständnis als auch das Rollenbild der Pflegepersonen und damit auch die wechselseitigen Erwartungen. Kulturell bedingte Unterschiede in den Erwartungshaltungen können rasch zu Missverständnissen führen – sowohl zwischen Kollegen im interkulturellen Pflegeteam als auch zwischen Patienten und Pflegepersonen. Um  solche Missverständnisse zu reduzieren, ist die Kenntnis verschiedener Techniken des kulturellen Ausgleichs notwendig.

Ein Fallbeispiel:

In einem deutschen Krankenhaus liegt eine türkische Frau, die eine schwere Brustoperation hinter sich hat. Trotz starker Schmerzen und der nach der OP immer noch bestehenden Benommenheit der Frau haben sich ihre fünf Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren, der laut weinende Ehemann sowie dessen Schwester mit Ehemann  im Krankenzimmer versammelt. Um die Zeit am Krankenbett in familiärem Rahmen zu gestalten, hat die Familie einen Korb bereits zubereiteter warmer Speisen mitgebracht. Diese werden gemeinsam am Bett der Kranken verspeist. Die Aufsicht führende Krankenschwester ist entsetzt, als sie das Krankenzimmer routinemäßig betritt. (Dieses Fallbeispiel stammt aus einer real erlebten Situation der Autorin.)

Wie ist diese Situation zu interpretieren? Der iranisch-stämmige Psychotherapeut Nossrat Peseschkian erklärt das folgendermaßen: Im Orient wird das Krankenbett mit einem erkrankten Familienmitglied  zuhause ins Wohnzimmer gestellt, wo zahlreiche Angehörige, Freunde und Bekannte zu Besuch kommen. Würden die Besucher ausbleiben, so würde dies als Beleidigung und mangelnde Anteilnahme verstanden. In westlich geprägten Kulturen hingegen wird der Kranke meist nur von den nächsten Angehörigen besucht, um seine Ruhe möglichst wenig zu stören.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass für eine kultursensible Behandlung und Pflege eine qualifizierte Weiterbildung der Ärzte und Pflegepersonen notwendig ist. Ein erster Schritt in diese Richtung kann eine gut vorbereitete und sachkundig begleitete Fortbildung innerhalb eines multikulturellen Ärzte- und Pflegeteams sein. Ein  moderierter kollegialer Austausch gibt allen Beteiligten die Möglichkeit, interkulturell voneinander zu lernen. Darüber hinaus sind kulturvermittelnde Fortbildungsveranstaltungen von Bedeutung. Dabei sollte  allgemein kulturübergreifendes Denken im Mittelpunkt stehen, denn angesichts der Vielzahl kulturspezifischer Faktoren, mit denen Arzt und/oder Pflegende konfrontiert werden, reicht eine reine Verständigungskompetenz nicht aus. Die interessierte Anteilnahme an den soziokulturellen Hintergründen von Kollegen und Patienten sollte dabei ebenso gefördert werden wie die kontinuierliche Arbeit am eigenen Denken und Verhalten.

 

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